Anhaltende Arbeitslosigkeit hängt bei höher Gebildeten stärker mit Medikamentenkonsum gegen Depressionen und Ängste zusammen
Anhaltende Arbeitslosigkeit im höheren Erwerbsalter geht mit mehr Medikamentenkonsum gegen Depressionen und Ängste einher – besonders bei höher Gebildeten, bei denen sich der sonst übliche Bildungsvorteil ins Gegenteil verkehrt.
Dass unfreiwillige Arbeitslosigkeit der psychischen Gesundheit schadet, ist bekannt. Eine aktuelle Auswertung von Daten der Forschungsinfrastruktur SHARE zeigt nun: Wer diesen Stress am Ende medikamentös behandelt bekommt, hängt stark von Bildung und vom Gesundheitssystem ab.
Die Soziologin Lisa Colman und ihr Team von der Universität Gent haben mit SHARE-Daten über 14.000 Personen zwischen 50 und 67 Jahren aus 27 europäischen Ländern untersucht. Erhoben wurde, ob Arbeitslosigkeit vorhersagt, dass jemand zwei Jahre später Medikamente gegen Depression oder Angst nimmt – auch wenn psychische Belastung und der Gesundheitszustand zum früheren Zeitpunkt bereits berücksichtigt werden.
Das zentrale Ergebnis
Wer arbeitslos wurde, nahm 2 Jahre später deutlich häufiger Medikamente – unabhängig vom subjektiven Befinden. Eine Rückkehr in Beschäftigung senkte den Medikamentenkonsum nicht sofort wieder.
Im Schnitt nehmen höher Gebildete seltener Medikamente gegen Depressionen oder Angstzustände als Menschen mit geringerer Bildung. Bei anhaltender Arbeitslosigkeit kehrt sich das jedoch um – höher Gebildete, die dauerhaft arbeitslos bleiben, sind die Gruppe mit der höchsten Medikamenteneinnahme. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass sie stärker leiden: Die Studie zeigt eine Lücke bei der Behandlung, nicht beim Leiden selbst.
Zwei mögliche Erklärungen, die sich nicht eindeutig beweisen lassen: Erstens könnte anhaltende Arbeitslosigkeit für Menschen mit Karriereerwartungen ein größerer Bruch mit dem eigenen Selbstbild sein, wodurch Stress eher individuell statt strukturell gedeutet wird. Zweitens haben höher Gebildete oft leichteren Zugang zu ärztlicher Versorgung – und wer häufiger zum Arzt geht, bekommt unabhängig vom Erwerbsstatus häufiger Medikamente verschrieben.
Einschränkung: Die Ergebnisse sind rein korrelativ, nicht kausal. Erfasst wurde nur die selbst genannte wöchentliche Medikamenteneinnahme, nicht die Diagnose oder Dosierung. Dennoch wirft die Studie eine berechtigte Frage auf: Wird Arbeitslosigkeit im höheren Erwerbsalter zunehmend als medizinisches statt soziales Problem behandelt?
Publikation
Colman, L., Bracke, P., & Delaruelle, K. (2026). Transitioning to unemployment and medication use for depression or anxiety among older adults: educational stratification in medicalisation processes. Aging & Mental
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