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Forschungsergebnis Juli 2026

Spätere Schulselektion verkleinert den herkunftsbedingten kognitiven Leistungsunterschied im Alter

Frühe Selektion könnte langfristige gesundheitspolitische Kosten verursachen, indem sie kognitive Ungleichheit im Alter verstärkt.

Europäische Länder unterscheiden sich stark darin, wann Schüler:innen in akademische bzw. berufsbildende Schultypen aufgeteilt werden – Deutschland macht dies bereits im Alter von 10–12 Jahren, während Großbritannien und die skandinavischen Länder dies auf 15–16 Jahre verschieben oder ganz darauf verzichten. Es ist bekannt, dass frühe Selektion den Einfluss der familiären Herkunft auf Bildungs- und Arbeitsmarkterfolge verstärkt. Die Studie untersucht, ob sich dieser Effekt bis in die kognitive Gesundheit im Alter fortsetzt.

Daten und Methode

Die Forscher:innen kombinierten SHARE-Umfragedaten mit einem neu erstellten Datensatz zum Zeitpunkt von Schulreformen zur Selektion in ganz Europa (aus dem Gateway to Global Aging Data-Projekt). Da verschiedene Länder den Selektionszeitpunkt im 20. Jahrhundert zu unterschiedlichen Zeiten nach hinten verschoben, konnte die Studie Personen desselben Landes vergleichen, die nur wenige Jahre auseinander geboren wurden – eine Gruppe unter früher, eine unter späterer Selektion. Die Stichprobe umfasste 28.439 Personen der Geburtsjahrgänge 1936–1959 aus 14 Ländern (Durchschnittsalter beim ersten kognitiven Test: ca. 61 Jahre). Kognition wurde mittels eines 10-Wörter-Gedächtnistests gemessen (unmittelbares und verzögertes Erinnern, Score bis 20); der sozioökonomische Status (SES) in der Kindheit wurde anhand von Beruf der Hauptverdiener:innen, Zimmern pro Person, Büchern im Haushalt und Wohnkomfort (z. B. fließend Wasser, Innentoilette) im Alter von 10 Jahren gebildet.

Zentrale Ergebnisse

Menschen aus begünstigten Elternhäusern erzielten im Gedächtnistest im höheren Alter im Schnitt 1,2 Punkte mehr als Personen aus ärmeren Verhältnissen. Jedes zusätzliche Jahr, um das ein Land die Selektion verschob, verringerte diese SES-bedingte Gedächtnisunterschied um rund 8 %. Die vermuteten Wirkmechanismen: Spätere Selektion hielt mehr benachteiligte Kinder länger im Schulsystem (vor allem durch geringere Abbruchquoten, nicht durch mehr Universitätsabschlüsse), was wiederum zu besseren ersten Jobs führte – weniger körperlich belastend, kognitiv anspruchsvoller – was plausibel dazu beiträgt, die kognitive Leistungsfähigkeit im Alter länger zu erhalten.

Robustheitstests (Placebo-Reformdaten, Kontrolle für Schulpflichtgesetze und Änderungen des Pensionsantrittsalters) stützten eine kausale Interpretation statt eines allgemeinen Zeittrends.

Relevanz

Der Befund rückt die Verschiebung des Selektionszeitpunkts über eine reine Bildungsgerechtigkeitsfrage hinaus: Frühe Selektion könnte langfristige gesundheitspolitische Kosten verursachen, indem sie kognitive Ungleichheit im Alter verstärkt – relevant für Diskussionen zu Demenzprävention und Pensionspolitik in ganz Europa.

Publikation

Da Re, F., Bertoni, M., Kieny, C. & Avendano, M. (2026). Dividing lives: The impacts of delayed school tracking on inequalities in cognitive aging in Europe. Social Science & Medicine, 399, 119236.

Bild: © Dieter Schütz  / pixelio.de