Italiens Frühpensionsreform schadete sowohl den Arbeitnehmer:innen als auch der Partei, die sie entworfen hat
Eine auf SHARE-Daten basierte Studie zeigt, dass Italiens Frühpensionsreform „Quota 100″ bei jenen Arbeitnehmer:innen, die zwar die Beitragsjahre erfüllten, aber aufgrund ihres Geburtsjahres ausgeschlossen wurden, die psychische Gesundheit signifikant verschlechterte. Die wahrgenommene Ungerechtigkeit schlug sich auch politisch nieder: Die Lega, Hauptverfechterin der Reform, verlor bei nachfolgenden Wahlen in betroffenen Gemeinden netto an Stimmen.
Eine Studie auf Basis der Forschungsinfrastruktur SHARE zeigt, dass Italiens kurzlebige Pensionsreform „Quota 100″ aus dem Jahr 2019 erhebliche unbeabsichtigte Folgen hatte – für ausgeschlossene Arbeitnehmer:innen ebenso wie für die Partei, die die Reform politisch vorangetrieben hatte.
Quota 100 ermöglichte eine Frühpensionierung, wenn Versicherte gleichzeitig mindestens 62 Jahre alt waren und 38 Beitragsjahre vorweisen konnten. Personen, die nach 1960 geboren wurden, waren kategorisch ausgeschlossen – unabhängig von ihrer Beitragshistorie. Die Forschenden Raffaele Fiorentino und Simona Mandile nutzten SHARE-Daten der Erhebungswellen 5 bis 9, um italienische Arbeitnehmer knapp unter und knapp über der Altersgrenze vor und nach Inkrafttreten der Reform zu vergleichen.
Das zentrale Ergebnis
Ausgeschlossene Personen, die zwar die Beitragsjahre erfüllt hatten, aber allein aufgrund ihres Geburtsjahres nicht in den Genuss der Reform kamen, wiesen eine signifikante Verschlechterung ihrer psychischen Gesundheit auf – geprägt von Schuldgefühlen, Selbstvorwürfen und Reizbarkeit. Personen, die auch die Beitragsschwelle nicht erreicht hatten, zeigten keine vergleichbaren Effekte. Der Schaden resultierte also nicht aus einer höheren Arbeitsbelastung, sondern aus dem Erleben von Ungerechtigkeit.
Darüber hinaus berichteten ausgeschlossene Arbeitnehmer von geringerem Vertrauen in Parlament, Parteien und Politiker:innen. Wahlauswertungen über sechs Wahlen hinweg bestätigten, dass die Lega – die Quota 100 am stärksten beworben hatte – in Gemeinden mit hohem Anteil ausgeschlossener Arbeitnehmer Stimmen verlor, und zwar stärker als sie in Gemeinden mit vielen Begünstigten zulegen konnte.
Die Studie legt nahe, dass die psychischen und politischen Kosten scharfer Anspruchsgrenzen die fiskalischen Einsparungen gezielter Reformen überwiegen können – ein Befund mit Relevanz für die Pensionspolitik in ganz Europa.
Publikation
Fiorentino, R. & Mandile, S. (2026). The Unintended Costs of Early Retirement Policies: Evidence from Italy’s Quota 100 Reform. CESifo Working Paper 12518.
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